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Planwirtschaftliche Luftschlösser

von W.Morgenröthe, Gruppe Surpasser, 2009

Am 31. Oktober 2009 veranstalten verschiedene Berliner Gruppen einen Workshoptag zu Scheitern und Zukunft des Kommunismus1. Das Scheitern des Kommunismus zeigte sich jedoch nicht in der Analyse historisch-spezifischer Formen des Realsozialismus am deutlichsten, sondern in der inhaltlichen Ausrichtung der Veranstalter.innen. Dieser Text beschäftigt sich speziell mit dem Seminar „Die Assoziation freier Produzent.innen“, welches die Gruppe [paeris] angeboten hatte, wobei in der Diskussion auch Vertreter.innen von TOP B3rlin und Never Going Home sich wohlwollend der vorgetragenen Argumentation anschlossen.

Schon die Einleitung sollte sinnbildlich für das nachfolgende Versagen jeder theoretischen Reflexion stehen: Man müsse doch endlich das Bilderverbot des Kommunismus überwinden. Dieses petitio principii ließ bei einigen Teilnehmer.innen schon ein verzücktes Lächeln aufblitzen. Man sei doch so oft in der peinlichen Situation, dass man gefragt werde „Wie sieht er denn aus, dein Kommunismus?“, dass man darauf eine Antwort geben können müsste, so die weitere Argumentation. An dieser Situation ist einzig die Frage peinlich, die wie jede dumme Frage auch keiner Antwort bedarf. Deutlich wurde jedoch, dass man sich in der Beschreibung dessen, was Kommunismus sein kann, nicht mehr auf die Analyse gesellschaftlicher Widersprüche, auf deren Aufhebung der Kommunismus drängen sollte, einlassen möchte, sondern endlich mal eine klare Antwort geben wolle. Die Binsenweisheit, dass die einfachen Antworten auch die problematischsten seien, bewahrheitete sich daraufhin in erschreckender Art und Weise.

Grundlage der Auseinandersetzung für die vergegenständlichte Utopie war der Text „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“ der Gruppe Internationale Kommunisten Hollands2 aus dem Jahre 1930. Die GIKH verstanden sich selbst als Rätekommunisten und kritisierten die Entwicklung innerhalb der SU vor allem von dem Standpunkt, dass die KPDSU die Sowjets, also die Räte, entmachteten und die Produktion zentralisierte statt die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel bei den Produzenten selbst zu belassen. Die Assoziation freier und gleicher Produzent.innen sei das anzustrebende Ziel, so propagierte die GIKH. Unter Freiheit und Gleichheit wurde zum einen die Autonomie der Betriebe und die Selbstorganisation der darin Arbeitenden verstanden und zum anderen die Koppelung von Arbeitszeit an Konsumanspruch. Dem zu Grunde liegt ein System der gesellschaftlichen Buchführung, welches erfasst wie viel Arbeitszeit (oder tote Arbeit) in einem Produkt vergegenständlicht sei und wie viel ein jeder selber arbeite, woraus sich dann der Konsumanspruch ableitet, da man seine erbrachte Arbeitszeit gegen Konsumgüter eintauschen könne. Die Wertabstraktion wird hier quasi bürokratisch gesteuert, da sie sich nicht wie im Kapitalismus an der gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit sondern an der empirischen Arbeitszeit orientiert. Die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit wird zum Maß aller Dinge, die ihr Äquivalent in der individuell geleisteten Arbeitszeit findet. Das Verhältnis von Produzent und Produkt wird also durch eine Realabstraktion hergestellt. Instrumente dieser Methode ist die durch öffentliche Buchführung hergestellte Quantifizierung. Die GIKH beschränkt sich in ihrer Betrachtung rein auf den produktiven Sektor und bestätigt die Wertabspaltung der reproduktiven Arbeit innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise. Festgehalten wird auch an dem Prinzip der abstrakten Arbeit, die die qualitative Dimension einer Tätigkeit und der Produkte abstrahiert, an dem Prinzip der Entlohnung dieser Arbeit und an dem daraus resultierenden Arbeitszwang. Auffällig war auch, dass die Frage, was überhaupt produziert werden soll hinter das Diktum, dass produziert und das die Produktivität auch gesteigert werden soll, verschwindet. Dass dieses von der GIKH ersponnene System als Kopie des Kapitalismus im kommunistischen Gewand daher kommt, ist geradezu evident. Zwar merkte die GIKH an, dass ihr Modell nur für den Übergang verwendet werden könne und der wahre Kommunismus sich dann entwickeln würde. Es sei jedoch zu bezweifeln, dass ein solches Modell für einen wie auch immer gearteten Übergang für sinnvoll erachtet werden könnte.

Wäre eine kritische Analyse dieses Textes als historisches Dokument einer kommunistischen Bewegung, die sich selbst in den kapitalistischen Widersprüchen verrannt hat, das Procedere des Seminars gewesen, so wäre daran auch nicht viel auszusetzen gewesen. Dass aber ein Text, der aus heutiger Perspektive eine Menge blinder Flecken, zum Beispiel das Verhältnis der Geschlechter im Verhältnis von Produktion und Reproduktion, aufweist und auch aus Sicht aktueller kommunistischer Theoriebildung vollkommen überholt erscheint, als Grundlage dienen sollte, Probleme zu diskutieren, die Auftauchen könnten, wenn es den Kommunismus geben wird, ist komplett unverständlich. Man muss es nochmal wiederholen, da es derart absurd ist: Es war tatsächlich Anspruch des Seminars, schon heute in trauter Runde anhand eines quasi-kapitalistischen Modells Probleme zu diskutieren, die auftreten könnten, wenn wir uns im Kommunismus wiedertreffen. Allein die Annahme, dass man sich tatsächlich im Kommunismus wieder trifft, ist aufgrund solcher Text- und Diskussionsgrundlagen recht fragwürdig geworden. Daraus folgte eine Diskussion über die Verteilung von Arbeit, über das Vermeiden von Beschiss, über gerechte Entlohnung und über allerlei, was sich im volkswirtschaftlichen Jargon ohne ernsthaft kritische Reflexion ausdrücken ließ – kurz und knapp: Es wurden planwirtschaftliche Luftschlösser errichtet. Dass dies der Theoriebildung nützen könnte, war nicht zu erkennen. Vielleicht war das aber auch nicht die Absicht. Vielleicht hat man bei [paeris] langsam „Genug des Geredes“ und möchte sich in einen anpackenden Habitus hüllen. In einem solchen Falle kann ich nur noch auf zuvor Gedachtes und Verschriftlichtes verweisen um das kritische Denken stark zu machen: „In ihm [dem Denken] ist das utopische Moment desto stärker, je weniger es – auch das eine Form des Rückfalls – zur Utopie sich vergegenständlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert.“3

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1 Vgl. http://top-berlin.net/?page_id=150
2 Nachfolgend abgekürzt als: GIKH
3 Vgl. Theodor W. Adorno: Resignation

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