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Ein Wutgesang auf den Zwiebelmarkt

November 2009, Anselm Gramschnabel, Gruppe Surpasser

Die Buden sind inzwischen wieder abgebaut und nachdem der Zwiebelmarkt (8.10. – 11.10.2009) nun vorbei ist, bereiten sich die Weimarer Bürger auf den Winter vor und freuen sich schon auf den Weihnachtsmarkt. Solche Events gehören zu dieser Stadt und sie sind hier etwas besonders: Nicht umsonst ist Weimar eine Kulturstadt mit einem Kulturbahnhof.

Wie jedes Jahr wertet die Weimarer Presse das Wochenende des Zwiebelmarktes aus, was bedeutet dass sie sich darüber freut, dass dieses Jahr wieder mehr BesucherInnen aus ganz Deutschland am traditionellen Zwiebelfest teilgenommen haben.
Ereignisse anderer Art finden in der Auswertung jedoch kaum eine Beachtung: Etwa, dass sich am Freitag den 9. Oktober vor der Bühne des „Zwiebel Assault“ (ein Metal-Konzert auf dem Zwiebelmarkt) die gesamten Kameradschaften aus Thüringen versammelt hatten, die dann wohl daran beteiligt waren am Samstag einen 23-Jährigen halb tot zu prügeln. Das Opfer musste im Krankenhaus notoperiert werden, die Diagnose stellte einen Milzriss und innere Blutungen fest. [1]

Einen Hassgesang auf den Zwiebelmarkt zu singen, ließe sich jedoch nicht allein dadurch rechtfertigen, dass der Zwiebelmarkt jedes Jahr zum Nazi-Treffpunkt wird. Die Auswahl des Opfers war in diesem Jahr wohl ebenso willkürlich, wie die Täter nur eine Stimmung zum überlaufen brachten, die sowieso jedes Jahr vorhanden ist. [2]

Um eine genauere Bestimmung dessen vorzunehmen, was sich jedes Jahr am ersten Oktober-Wochenende auf Weimars Straßen abspielt, muss der Zwiebelmarkt zunächst als das betrachtet werden was er in erster Linie ist: Ein Massenevent. Sammeln sich Menschen in einer Masse, geschieht es oft, dass über individuelles Empfinden und einzelne Bedürfnisse hinweg gegangen wird. Massenveranstaltungen wie der Zwiebelmarkt tendieren dazu eine Stimmung zu entwickeln, die eine absolute Gleichförmigkeit der Bedürfnisse der Teilnehmenden geradezu erfordert: Das Filigrane, Leise und Kleine wird vom stupiden Rhythmus der lauten Musik übertönt, das Wabern der Massen durch die Verkaufsgassen betäubt jedes Gefühl von Bewegungsfreiheit und letztendlich verschwimmen im kollektiv erlebten Alkoholrausch jegliche Besonderheiten, die die zur späten Stunde noch Anwesenden wohl einmal gehabt haben mögen. Es ist der Massenbildung eigentümlich, dass die grundlegend ich-bezogenen Interessen der Einzelnen auf das Kollektiv verschoben werden, sodass das kollektiv praktizierte Event vordergründig als etwas gemeinsam Erlebtes wahrgenommen wird. Dieses gemeinsame Erleben, welches beispielsweise in Erinnerung an den deutschen Rausch der Fußballweltmeisterschaft oft als eine unheimlich positive Sache verteidigt wird, bedeutet jedoch dass mit der Identifizierung der Massenmitglieder untereinander, ein infantiles Stadium der Weltwahrnehmung eintritt: Alles Gute, Angenehme, Lust Bringende, wird im Inneren (das hier die Massenmitglieder umfasst) verortet, während alles Schlechte, Unangenehme, der Lust Entgegenstehende im Äußeren, als etwas der Masse nicht Zugehöriges bestimmt werden muss. Da das Bedürfnis nach Lust aber im Massenevent überhaupt nicht befriedigt werden kann, da die angebotene Bedürfnisbefriedigung den Individuen niemals gerecht werden kann, ist das Massen-Ich ständig darum bemüht das dumpf wahrgenommene Unbehangen zu verorten und auszuscheiden – was oft mit Hilfe einer Projektionsleistung auf Menschen gerichtet ist, die als anders oder als der Masse fremd wahrgenommen werden. Auch wenn in den letzten Jahren rassistische Übergriffe auf dem Zwiebelmarkt immer wieder geschehen sind, kann man (zum Glück) davon ausgehen, dass die Projektionen im Moment noch diffus sind und nicht auf einen kollektiv definierten Feind gerichtet sind. Die Bestimmung der Opfer war auf dem diesjährigen Zwiebelmarkt noch willkürlich – wie es im Laufe der zu erwartenden gesellschaftlichen Entwicklungen (besonders angesichts der Krise, in der die Massenmobilisierung an Bedeutung gewinnt) in den nächsten Jahren aussehen wird, ist der Inhalt von Alpträumen. [3]

Alles andere als zufällig ist jedoch ein weiteres Moment dieser regressiven Massenkultur. Das Lustversprechen des Zwiebelmarktes repräsentiert sich jedes Jahr in einer zentralen Figur: Der schönen Zwiebelkönigin. Der heterosexuelle Duktus dieses Versprechens entspricht der Art und Weise wie im Alkoholrausch die Differenzierungen der unterschiedlichen Lüste im Willen nach einer unmittelbaren Triebbefriedigung verschwinden und sich in diesem Fall der enthemmte Mann das nimmt, was er will – notfalls mit Gewalt. Doch der sexistische Übergriff ist nicht nur in diesem rasenden Willen nach unmittelbarer Triebbefriedigung angelegt. Denn auch hier kann das Bedürfnis nach Lust überhaupt nicht befriedigt werden: In der Masse ist der harte Griff nach den lustversprechenden Körperteilen möglich und wird von ihr gedeckt, während Zärtlichkeit, die wirkliche Lust bedeuten könnte, schon längst nicht mehr möglich ist. Wenn eine Nazi-Schlägerei wenigstens am Rande für Aufmerksamkeit sorgen könnte, fällt der sexistische Übergriff am Glühweinstand einfach nicht auf, da er schlichtweg normal ist. Die wirklichen Verletzungen dürften dann ohnehin auf dem Weg nach Hause oder nach dem Zwiebelmarkt in der Privatwohnung bzw. in der Pension stattfinden.

Der Zwiebelmarkt ist ein ekelerregendes Volksfest und als ob das nicht schlimm genug wäre, ihm folgen im Jahr mehrmalige Rummelschäußlichkeiten und in abgeschwächter Weise der Weihnachtsmarkt. Diese Art des dumpfen Feierns hat zwar sehr wohl etwas mit der Kultur einer ehemals bürgerlichen Gesellschaft zu tun, doch sie fällt weit dahinter zurück, was Kultur einmal hätte sein können. Will die Stadt Weimar noch in irgendeiner Weise einem Schiller gerecht werden, der in Weimar sonst die ganze Zeit hochgehalten und als spektakuläres Bild ausverkauft wird, dann sollte die Stadt den Zwiebelmarkt und ähnliche solcher Schäußlichkeiten verbieten. Schiller hatte in seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung der Menschen eine Sinnlichkeit gefordert, die im Spiel eine progressive Weiterentwicklung der Fähigkeiten und Bedürfnisse erlangen sollte. Im Grunde hatte schon Schiller die zutiefst kommunistische Forderung nach der Identität zwischen dem Reich der Freiheit und dem Reich der Notwendigkeit gestellt. Dass Wollen und Sollen auf dem Zwiebelmarkt zu einem Zwang verschmelzen (denn wer nicht feiern will oder anders ist, der gilt definitiv als Spielverderber) ist demgegenüber eine dumpf-deutsche Regression.

Literatur zum Thema:

Witte, Sonja: „Am Punkt wo die Psychoanalyse abdankt…“: Freuds Rätsel der Massenbildung, in Extrablatt – Zeitschrift aus Gründen gegen fast alles #4, Bremen, Winter 2009

Freud, Sigmund 1921: Massenpsychologie und Ich-Analyse; in: Gesammelte Werke, Bd. XIII, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 1999

Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1987

Berghahn, Klaus L. (Hrsg.)/ Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Stuttgart: Reclam, 2000.

Fußnoten

[1] Vgl.: Thüringer Landeszeitung (TLZ) vom 12.10.2009, Lokalteil: „Schwer verletzt nach Tritten“, ein weitere Übergriff, der kaum an Widerlichkeit zu überbieten ist , bei dem eine Gruppe von Alkoholisierten auf einen wehrlosen Betrunkenen eintraten und eine Person schließlich auf ihn urinierte, ereignete sich am Sonntag des Zwiebelmarktes in der Rießnerstraße, vgl.: Thüringer Allgemeine vom 12.10.2009, Lokalteil Weimar (Polizeibericht): „PEINLICH.“

[2] Jedes Jahr werden zu Zwiebelmarkt mehr PolizistInnen eingesetzt, die auf die wachsenden Übergriffe (zumeist Körperverletzungen) kaum reagieren können, vgl.: Thüringer Allgemeine vom 12.10.2009, Lokalteil Weimar (Polizeibericht): „GLIMPFLICH.“

[3] Gerade der Gedanke, dass es zwar so ist, aber nicht so sein muss, sollte festgehalten werden. Um im schlimmsten Falle handlungsfähig zu sein, darf man aber eben nicht davon ausgehen, dass alles anders werden könnte, sondern man muss sich die schlimme Möglichkeit bewusst machen.

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