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Wir haben Träume und Wünsche für die Zukunft verkauft

von W. Morgenröthe, Gruppe Surpasser

Wer zurzeit sich in den Berliner Martin-Gropius-Bau begibt, der vor kurzem noch die Ausstellung „60 Jahre – 60 Werke“ beherbergte, kann nun die „Retrospektive eines Foto-Genies“ (Stern) begutachten. Gemeint ist F. C. Gundlach, der als bedeutendster Modefotograf der Bundesrepublik gilt. Dementsprechend gibt es auch hübsche Katalogbildchen zu sehen – neben einigen Urlaubsfotografien. Tatsächlich lässt sich an diesem – so möchte man meinen – recht banalen Beispiel einiges über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit in Zeiten des postindustriellen Kapitalismus aufzeigen.
Der Reklamecharakter der Kultur wird in dieser Ausstellung nicht verleugnet, er wird geradezu zum Aushängeschild. Schon der Erfolg des Produzenten – der bedeutendste undsoweiterundsofort – dient als Legitimation, um seine Fotografien in ein Museum zu hängen. Die Fotografien selbst erzählen auch eine Erfolgsgeschichte: von Dior-Kleidern, die die Ehre hatten auf mehr oder minder prominenten menschlichen Schaufensterpuppen abgelichtet zu werden und den Ruhm der Stoff gewordenen verausgabten Arbeitskraft in alle Welt zu tragen. Modefotografie ist Auftragsarbeit, jedoch nicht nur zur Repräsentation einer speziellen Marke, sondern auch im Sinne der gesellschaftlichen Maschinerie, die die bunte Welt der Waren und Reklame hervorbringt. Die wohlinszenierten Fotografien überbieten sich in Ähnlichkeit, in der Grundkonstellation, in dem Lächeln der Kleiderträgerinnen, in dem nüchtern Realismus, der von der treuen Unterwerfung unter das Bestehende kündet. Dass ein Teil des Problems schon durch die Wahl des Mediums bedingt ist, stellte Brecht schon 1931 fest als er notierte, dass „eine Fotografie der Kruppwerke oder der AEG […] beinahe nichts über dieses Institut [ergibt].“ Die Realität entzieht sich in entscheidenden Aspekten der bildlichen, erst recht der realistischen, Darstellung. So wird die Kulturindustrie zur treuen Verdopplung der Welt, sie verwischt die Grenzen zur empirischen Realität.
Gundlachs Fotografien weisen auch eine explizite ideologische Funktion auf. So antwortet der Fotograf in einem Interview auf die Frage nach den Produktionsbedingungen im kriegszerstörten Berlin in einem Interview, dass die Illusion eine Auflage war. „Es gab bei uns keine Trümmer! Wir haben Träume und Wünsche für die Zukunft verkauft. Die Generation, die das Sagen hatte, hatte die Katastrophe, ja das Inferno überlebt und wollte ganz bewusst nicht zurückgucken.“ (Berliner Morgenpost) Die Trümmer waren für ihn das zerstörte Berlin. Seine Argumentation grenzt an Geschichtsverleugnung. Gerade die Deutschen hatten das Inferno veranstaltet und nicht einfach nur passiv überlebt. Nach Auschwitz liegt die Idee der Humanität in Trümmern. Aber auch darüber täuscht das kokette Lächeln des Erfolgs hinweg.
Die Aktualität der Ausstellung begründet sich auch auf diesem Zusammenhang. Die Totalität der Warengesellschaft und der Reklame soll die Trümmerlandschaft, überhaupt das Leiden, welches gesellschaftlich produziert wurde und wird, vergessen machen. Fotografien, die sich nicht einmal den ideologischen Schein hoher Kunst geben wollen, sind in Anbetracht einer umfassenden Krise der Wertschöpfung ein weiteres Element im totalen System der Kulturindustrie. In der Verteidigung des Bestehenden wird die Botschaft überbracht, dass Träume und Wünsche weiterhin in Form von Dior-Kleidern – schlicht und einfach in Warenform – verkauft werden. Nichts anderes vermittelt diese Ausstellung.

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