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Einführung in die wertkritische Kapitalismuskritik

Das zunehmende Unbehagen im Kapitalismus ist leider noch kein Garant für eine angemessene Kritik und nicht jeder Widerstand ist per se emanzipatorisch zu nennen. Die Gefahr, Bestandteil des Problems zu werden, gegen das sich der Unmut richtet, ist groß genug, wie viele (ex-)linke Biographien beweisen. Um den Kapitalismus kritisieren zu können, muss er auch verstanden werden. Wir wollen Euch die grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft näher bringen, wie sie Marx im Kapital entwickelt hat. Entgegen einer traditionsmarxistischen Lesart stehen hier nicht Klassenkampf und Loblieder auf das Proletariat im Vordergrund, sondern die Kritik von Ware, Geld, Kapital und Warenfetischismus.

DATUM: 10. April 2010
BEGINN: 11:00 UHR
ORT: Weimar, Jakobsstraße 22 (Bureau der „Neuen Linken“)
EINTRITT: frei

Wenn heute von Kapitalismuskritik die Rede ist, so gibt es ein dominantes Feld von Vorstellungen und Diskursen, die unter dem Stichwort “Arbeiterbewegungsmarxismus” subsumiert werden können. Seine Dominanz beruht auf der historischen Wirkungsmächtigkeit, die er in der Binnengeschichte des Kapitalismus erlangte. Lassen wir spezielle Ausformungen beiseite, können allgemeine Züge einer arbeiterbewegungsmarxistischen Kapitalismuskritik nachgezeichnet werden. Dass Marx hierbei eine zentrale theoretische Referenz darstellt, ist unbestritten. Allerdings sind nur bestimmte Versatzstücke der Marxschen Kritik in die Deutungsmuster des Arbeiterbewegungsmarxismus eingegangen: Demnach ist die kapitalistische Gesellschaft nach Klassen strukturiert, die mit einer bestimmten Position innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses zusammenhängen. Während eine Klasse über Produktionsmittel verfügt, besitzt die andere nur ihre Arbeitskraft. Um sich reproduzieren zu können, sind die BesitzerInnen der Ware Arbeitskraft gezwungen, diese an die Eigentümer der Produktionsmittel zu verkaufen. Letztere wenden nun die Ware Arbeitskraft an, bringen sie im Arbeits- bzw. Verwertungsprozess mit den Produktionsmitteln zusammen. Innerhalb dieses Prozesses reproduziert die Ware Arbeitskraft nicht nur ihren eigenen Wert, sondern schafft zusätzlichen Wert, den sogenannten Mehrwert. Dieser Mehrwert ist -so die Marxsche Analyse- einzig Produkt der Arbeit. Hier setzt die Kritik des Arbeiterbewegungsmarxismus an: Die Besitzer der Ware Arbeitskraft schaffen zwar allen Wert, aber nur ein Teil davon kommt ihnen zugute: der Mehrwert wird durch die Besitzer der Produktionsmittel angeeignet, zum Teil für deren Konsum (Revenuen), zum anderen für die Reinvestierung in den Verwertungsprozess. Die Vorenthaltung des Mehrwerts durch die Klasse der Bourgeoisie wurde als ungerechtes Ausbeutungsverhältnis verstanden und sollte via Klassenkampf abgeschafft werden. Zentraler Gegenstand der Kritik des Arbeiterbewegungsmarxismus ist also die gesellschaftliche Verteilung des (abstrakten) Reichtums bzw. des produzierten Mehrwerts und -weil damit im Zusammenhang stehend- die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Entgegen seinen eigenen Ansprüchen ist der Arbeiterbewegungsmarxismus weniger eine Kritik der Produktion, sondern der Distribution der kapitalistischen Gesellschaft. Ihm geht es um die gesellschaftliche Neuverteilung von Mehrwert und Eigentum. Im Wesentlichen drehte sich die Kritik des Arbeiterbewegungsmarxismus um quantitative Fragestellungen der Verteilung. Dabei geriet die qualitative Besonderheit der kapitalistischen Vergesellschaftung, seine besondere Form der Reichtumsproduktion aus dem Blickfeld der Kritik und theoretisch in Vergessenheit: Die Vergesellschaftung über den Wert. Dass Kapitalismuskritik primär Wertkritik bedeutet, hat der Arbeiterbewegungsmarxismus nie wirklich wahr haben wollen. Mit Münteferings Kapitalismuskritik an den sogenannten Heuschrecken offenbart sich aber nicht nur der theoretische Absturz der alten Arbeiterbewegung — sondern bestätigt auch ein Volksvorurteil: Kapitalismus, darunter werden nur allzuoft die bösen Spekulanten, die “Nieten im Nadelstreifen” verstanden. Gegen solche personalisierenden Vorstellungen von Kapitalismus will das Seminar den Versuch einer kritischen Bestimmung des Kapitalismus unternehmen und damit -implizit- die Grenzen und Probleme einer verkürzten Kapitalismuskritik aufzeigen. Dies soll im Rückgriff auf die grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft geschehen, wie sie Marx im “Kapital” entwickelt hat. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie bildete den zentralen Anknüpfungspunkt, ausgehend von der Kategorie der Ware, über Geld und Kapital bis hin zum Problem der Fetischkonstitution der bürgerlichen Gesellschaft.

Gefördert von der Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen

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